9 Minuten Lesezeit 8 Mai 2022
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Der General Counsel Imperative: Wie die Rechtsabteilung der Schlüssel zur Erschließung Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie ist

Von Cornelius Grossmann

Global Law Leader | Rechtsanwalt | Ernst & Young Law GmbH

Cornelius Grossmann ist Global Law Leader und Rechtsanwalt bei EY Law.

9 Minuten Lesezeit 8 Mai 2022
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Da Nachhaltigkeitsfragen zunehmend rechtliche und regulatorische wie auch Reputationsrisiken mit sich bringen, wird von den Rechtsabteilungen erwartet, dass sie eine Schlüsselrolle spielen.

Überblick

  • Nachhaltigkeitsfragen stellen die Rechtsabteilungen vor eine Reihe komplexer Herausforderungen. Daher sollten sie herausfinden, welches die wichtigen Schwerpunktbereiche sind.
  • Dieses Umfeld wird durch die oft unklaren Vorgaben der Regulierungsbehörden, den Druck der Interessengruppen und konkurrierende Ziele innerhalb des Unternehmens selbst erschwert.
  • Da die Rechtsabteilungen unternehmensweit eine Schlüsselrolle spielen, wird die Arbeitsbelastung voraussichtlich zunehmen. Infolgedessen muss die Personalstrategie neu bewertet werden.

Die Nachhaltigkeitsstruktur – die im weitesten Sinne Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen umfasst – weitet sich aus und wird immer vielfältiger, komplexer und risikobehafteter. Neue Gesetze, Vorschriften und Veränderungen in der Art und Weise, wie Investoren, Aufsichtsbehörden, Kunden, Mitarbeiter und die Öffentlichkeit Umwelt- und Sozialfragen sehen, haben weitreichende Auswirkungen auf Unternehmen.

„Wir beobachten eine deutliche Verschiebung von einer Welt, in der es bei Nachhaltigkeit um Botschaften und freiwillige Verpflichtungen ging, hin zu einer Welt, in der die Umsetzung entscheidend ist und die Reputationsrisiken immer akuter werden,“ sagt Cornelius Grossmann, EY Global Law Leader. „Die Öffentlichkeit erwartet von den Unternehmen nicht mehr nur, dass sie keinen Schaden verursachen, sondern auch, dass sie Umwelt- und Sozialbelange angemessen berücksichtigen. Dies übt einen enormen Druck auf die Unternehmen aus.“

Die wichtigsten Ergebnisse der „General Counsel Sustainability“-Studie von 2022 zeigen, dass Rechtsabteilungen einem breiten Druck von Interessengruppen in Sachen Nachhaltigkeit ausgesetzt sind, der sie auf eine neue Weise herausfordert:

  • General Counsels berichten, dass sich das Risikoprofil ihres Unternehmens durch den Wandel der Einstellung der Öffentlichkeit verändert, jedoch ihre Führungskräfte sich der Auswirkungen nicht voll bewusst sind.
  • Die mit der Nachhaltigkeit verbundenen Reputationsrisiken veranlassen die Rechtsabteilungen dazu, ihren Fokus rasch auf Bereiche auszuweiten, die traditionell von anderen Unternehmensbereichen verwaltet werden.
  • Die Ausweitung der Aufgaben der Rechtsabteilungen führt dazu, dass sie stärker in die tägliche Entscheidungsfindung einbezogen werden und ihre Zusammenarbeit mit anderen Unternehmensbereichen intensivieren.
  • Die größte Herausforderung für den General Counsel im Bereich Nachhaltigkeit ist die Beratung der Unternehmensleitung in Angelegenheiten, bei denen die Erwartungen der Öffentlichkeit die rechtlichen und regulatorischen Verpflichtungen der Organisation übersteigen.
  • Die Rechtsabteilungen verfügen nicht über das nötige Personal und Budget, um die zunehmende Arbeitsbelastung im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit zu bewältigen, und sind sich uneins darüber, wie sie mit diesen Herausforderungen umgehen sollen.

Um einen erfolgreichen Weg in die Zukunft zu finden, ist es wichtig, dass die Rechtsabteilung definiert, wo und wie sie sich für die Nachhaltigkeit engagieren soll. Entscheidend wird auch sein, wie Ihre Rechtsabteilung mit anderen Bereichen des Unternehmens zusammenarbeitet.

Die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit bei der Entwicklung eines Leitfadens für die Entscheidungsfindung in komplexen Nachhaltigkeitsfragen wird von entscheidender Bedeutung sein, da viele der drängendsten Fragen in den Vorschriften nicht eindeutig geregelt sind. Die Rechtsabteilungen sind in der richtigen Position, um diese Arbeit zu übernehmen. Ihre Rolle im Zentrum einer Vielzahl von miteinander verknüpften Nachhaltigkeitsfragen und -herausforderungen gibt ihnen einen einzigartigen Einblick in diese Themen.

Die Befassung mit Nachhaltigkeit wird voraussichtlich operative Herausforderungen für Ihre Rechtsabteilung mit sich bringen. Die zunehmende Bedeutung der Nachhaltigkeit führt zu einem wachsenden Arbeitsvolumen, das den Druck, dem viele Rechtsabteilungen bereits ausgesetzt sind, noch erhöht. Die Entwicklung eines Betriebsmodells für Ihre Rechtsabteilung, dass die Flexibilität, den Umfang und das einzigartige Fachwissen bietet, die für die Arbeit im Bereich der Nachhaltigkeit erforderlich sind, wird entscheidend sein.

(Chapter breaker)
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Kapitel 1

Schwerpunktbereiche für die Rechtsabteilungen

Die Rechtsabteilungen können ihren Schwerpunkt erweitern, um den sich verändernden Belastungen und Risiken zu begegnen.

Schwerpunktbereiche für die Rechtsabteilungen

In Anbetracht der vielen Bereiche des Spektrums Nachhaltigkeit besteht die Herausforderung für den General Counsel darin herauszufinden, welche davon die größte Aufmerksamkeit der Rechtsabteilung benötigen.

Gegenwärtig konzentrieren sich viele Rechtsabteilungen vor allem auf die Nachhaltigkeitsarbeit im Zusammenhang mit Rechtsstreitigkeiten, der Compliance und der Due-Diligence-Prüfung von Transaktionen. Dies hängt mit dem Druck von Investoren und Aufsichtsbehörden zusammen.

Auf einer Skala von 0 bis 100 bewerteten die General Counsels, wo sie sich am meisten unter Druck gesetzt fühlen. Investoren und Aufsichtsbehörden wurden dabei an erster Stelle genannt, gefolgt von Rechtsstreitigkeiten, Kunden, Mitarbeitern, der Öffentlichkeit, den Medien und Zulieferern. Dies liegt vermutlich daran, dass die Erwartungen dieser Interessengruppen in der Regel klar definiert und die Kosten der Nichteinhaltung – Schwankungen des Marktwerts, Geldstrafen und verringerter Zugang zu Finanzmitteln – deutlich und akut sind.

Während General Counsels den Druck, den sie von Investoren und Aufsichtsbehörden verspüren, am höchsten einschätzen, deuten ihre Antworten in Bezug auf eine Vielzahl anderer Gruppen darauf hin, dass sich die Interessengruppen der Rechtsabteilungen weiterentwickeln. Der Druck, den sie von Kunden und Mitarbeitern verspüren, liegt nur knapp hinter dem von Investoren und Aufsichtsbehörden. In den letzten Jahren haben diese beiden Gruppen ihre Bedenken bezüglich der Umwelt- und Sozialpraktiken von Unternehmen deutlich aktiver geäußert. Sie sind auch eher bereit, sich an kollektiven Aktionen wie Boykotten oder Arbeitsniederlegungen zu beteiligen.

  • Zitat von Laura Stein, Mondelēz International

    Zur Bedeutung von ESG-Aspekten

    „Die Erwartungen unserer Stakeholder entwickeln sich weiter. Alle unsere Stakeholder achten auf ökologische und soziale Fragen. Dazu gehören Investoren, Rating-Agenturen, Aufsichtsbehörden, Lieferanten und Kunden. Darüber hinaus haben auch unsere Mitarbeiter und die breite Öffentlichkeit Erwartungen, die wir berücksichtigen müssen. Diese sich entwickelnden Erwartungen führen wiederum dazu, dass sich die Rolle der Rechtsabteilung weiterentwickelt, um bei all diesen Themen stärker einbezogen zu werden.“

    Laura Stein, Executive Vice President, Corporate and Legal Affairs und General Counsel bei Mondelēz International

Interessanterweise berichten die Rechtsabteilungen, dass die größten Risiken für ihre Unternehmen im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit rein rufschädigender Natur seien, insbesondere der Verlust von Kunden aufgrund von Rufschädigung und die Schädigung der Marke. Umgekehrt stehen Herausforderungen beim Zugang zu Investitionen und Risiken im Zusammenhang mit neuen Gesetzen oder Vorschriften ganz unten auf der Liste der Bedenken der Befragten, wenn sie auch noch immer bedeutend sind und das Potenzial haben, den Ruf einer Organisation zu beeinträchtigen.

Der Vergleich zwischen Druck und Risiken zeigt eine Diskrepanz zwischen der unmittelbaren Konzentration der Rechtsabteilungen auf die Einhaltung der Vorschriften und die Due-Diligence-Prüfung von Transaktionen und den anderen Reputationsrisiken, die Nachhaltigkeitsbelange für das Unternehmen mit sich bringen.

„Wir gehen davon aus, dass sich hier eine Verschiebung vollziehen wird, bei der sich die Rechtsabteilungen in Zukunft stärker auf das Management von Reputationsrisiken konzentrieren und ein besseres Gleichgewicht mit den regulatorischen und investitionsbezogenen Herausforderungen schaffen werden", sagt Boris Scholtka, Ernst & Young Law GmbH Energy Law Leader.

In der Tat geben viele Rechtsabteilungen an, in den nächsten drei Jahren ihren Fokus auf Nachhaltigkeit ausweiten zu wollen. Die proaktivsten Abteilungen wollen sich stärker darauf konzentrieren, die nicht rechtlichen Risiken des Unternehmens zu definieren und Richtlinien für Umwelt- und Sozialfragen zu erstellen.

Ein weiterer Bereich, auf den sich die Rechtsabteilungen stärker konzentrieren wollen, ist das Monitoring von Vorschriften. Dies, so Kasia Klaczynska Lewis, Ernst & Young Law Talasiewicz, Zakrzewska i Wspólnicy sp.k., Leiterin des EU Green Deal Center of Excellence, spiegelt die rasanten Veränderungen in der Umwelt- und Sozialgesetzgebung wider. „Viele Geschäftsführer wenden sich jetzt an ihre Rechtsabteilung, um zu verstehen, wie sich die Vorschriften mittelfristig entwickeln werden. Diese Informationen sind von entscheidender Bedeutung, wenn es darum geht, freiwillige Verpflichtungen festzulegen oder zu entscheiden, wie größere Investitionen strukturiert werden sollen."

  • Zitat von Christopher Stephans, International Finance Corporation

    Zur Bedeutung von Investoren im ESG-Bereich

    „Multilaterale Investoren wie die Internationale Finanz-Corporation spielen eine wichtige Rolle bei der Anwendung von Umwelt- und Sozialstandards. Indem wir von den Unternehmen verlangen, dass sie strenge Umwelt- und Sozialrichtlinien umsetzen, darüber Bericht erstatten und die Überwachung der Einhaltung der Richtlinien zulassen, können wir die Akteure des Privatsektors ermutigen, über die lokalen Vorschriften hinauszugehen und sich globale Best Practices zu eigen zu machen.“

    Christopher Stephens, Vice President und General Counsel, Legal and Compliance Risk for the International Finance Corporation

Wenn die Rechtsabteilung ihren Aufgabenbereich erweitert, um neue Risiken zu bewältigen, stellt sich die Frage, welcher Grad der Einbindung des Syndikus am effektivsten ist. In den letzten zehn Jahren haben sich viele Unternehmen dafür entschieden, den Aufgabenbereich der Rechtsabteilung zu erweitern und Funktionen wie Compliance und Öffentlichkeitsarbeit so zu verlagern, dass sie dem General Counsel unterstellt sind. Ein neuerer Trend besteht darin, dass die Teams für Corporate Social Responsibility (CSR) und Umwelt, Soziales und Governance (ESG) ihre Berichterstattung an den General Counsel verlagern. Einem aktuellen Bericht der Association of Corporate Council zufolge verfügen 24 % der CSR- und ESG-Teams von Unternehmen über solche Berichtsstrukturen, während es vor zwei Jahren nur 15 % waren.

  • Zitat von Damon Hart, Liberty Mututal Insurance

    Zur Rolle der Rechtsabteilung

    „Die Rolle der Rechtsabteilung in ESG-Fragen entwickelt sich in einem unglaublich schnellen Tempo. Wir bewerten ständig neu, wie stark wir involviert sein müssen und wie wir mit verschiedenen Unternehmensbereichen zusammenarbeiten.“

    Damon Hart, Executive Vice President und Chief Legal Officer, Liberty Mutual Insurance

Während einige Unternehmen so strukturiert sind, dass die Rechtsabteilung eine führende Rolle bei Nachhaltigkeitsfragen spielt, wählen andere einen anderen Weg. In diesen Unternehmen wird die Rechtsabteilung möglicherweise in anderer Funktion mitarbeiten, entweder als gleichberechtigter Partner oder als Ad-hoc-Berater. Der optimale Grad der Beteiligung hängt von der Branche ab, in der das Unternehmen tätig ist, von den Risiken, denen es in den einzelnen Bereichen ausgesetzt ist, und von den Strategien zur Risikominderung, die zur Bewältigung dieser Risiken erforderlich sind.

Die Aufgabe der Rechtsabteilung, ihre Rolle zu definieren, wird durch die Tatsache erschwert, dass viele ökologische und soziale Aktivitäten entweder kollektiv geführt werden oder ihre Verantwortung auf verschiedene funktionale Abteilungen verteilt ist. Daher ist eine enge Zusammenarbeit im gesamten Unternehmen erforderlich, um Maßnahmen und Rechenschaftspflichten voranzutreiben. Die Rechtsabteilungen sind sich dieser Notwendigkeit bewusst: 61 % der General Counsels gaben an, dass sie eine verstärkte Zusammenarbeit mit dem Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit erwarten.

Empfehlungen und Handlungsbereiche

Wenn Sie sicherstellen wollen, dass Ihre Rechtsabteilung optimal auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist, müssen Sie die Interessen der Stakeholder und die organisatorischen Risiken in Einklang bringen. Wenn Ihre Rechtsabteilung ihr Risikomanagement ausbaut, sollten Sie sich auf die folgenden Bereiche konzentrieren:

  • Ermittlung von Möglichkeiten zur Verbesserung der Prozesse zur Einhaltung von Vorschriften und der entsprechenden betrieblichen Anpassungen.
  • Identifizierung nichtrechtlicher Risiken im Zusammenhang mit Umwelt- und Sozialfragen und Schaffung freiwilliger Ziele und eines Governance-Rahmens, um diese zu erreichen.
  • Entwicklung eines detaillierten Überblicks über die voraussichtliche mittelfristige Entwicklung des rechtlichen Umfelds, um die Unternehmensrichtlinien und die operative Strategie der Rechtsabteilung zukunftssicher zu machen.
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Kapitel 2

Unklarheiten bewältigen und konkurrierende Ziele miteinander in Einklang bringen

Ohne klare Vorgaben der Aufsichts- und Regulierungsbehörden müssen Erwartungen, Ziele und Risiken in Einklang gebracht werden.

Obwohl Rechtsabteilungen berichten, dass es eine Herausforderung sei, bezüglich neuer Vorschriften auf dem Laufenden zu bleiben, haben viele Strategien gefunden, um die Belastung zu verringern. Nur 37 % der General Counsels berichten über Schwierigkeiten bei der Umsetzung neuer Vorschriften in interne Richtlinien.

Die größere Herausforderung für die Rechtsabteilungen besteht darin, in Bereichen zu arbeiten, in denen es an klaren Vorgaben seitens der Behörden mangelt. In der Tat berichten Rechtsabteilungen von Schwierigkeiten bei der Erstellung von Richtlinien, wenn es keine spezifischen Vorschriften gibt: 90 % in Bezug auf Umweltfragen, 92 % in Bezug auf sozialen Fragen.

„Die Sicherheit am Arbeitsplatz ist ein perfektes Beispiel", sagt Paula Hogéus, EY Global Labor and Employment Law Leader und Nordics Law Leader. „Während der Pandemie waren viele Unternehmen gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die normalerweise in den Zuständigkeitsbereich der Gesundheitsämter fallen, und zu klären, wer ins Büro kommen darf und wer nicht und welche Regeln für das Tragen von Masken und für Impfungen gelten.“

Ein weiteres Beispiel ist die Festlegung von Umweltmaßstäben. Unternehmen stehen unter dem Druck von Gesetzgebern, Mitarbeitern, Kunden und der breiten Öffentlichkeit, Ziele in Bezug auf Kohlenstoffemissionen, Kunststoffverbrauch und eine Vielzahl anderer Herausforderungen im Zusammenhang mit der ökologischen Nachhaltigkeit zu setzen.

Auch bei einer Vielzahl anderer Themen stehen sie vor ähnlichen Herausforderungen, z. B. bei der Vergütung von Mitarbeitern, der Sicherheit am Arbeitsplatz und der sozialen Gerechtigkeit. Das Fehlen klarer Leitlinien in diesen Bereichen bringt die Unternehmensführung und Unternehmensjuristen in eine schwierige Lage – sie sind gezwungen, Entscheidungen zu treffen, ohne klare Vorgaben von Aufsichts- und Regulierungsbehörden oder Gesetzgebern zu erhalten.

  • Zitat von Horacio Gutierrez, The Walt Disney Company

    Behandlung von Problemen, für die es keine rechtlichen Vorgaben gibt

    „Der Schlüssel zum Umgang mit Unklarheiten liegt darin, die Frage in einem größeren Rahmen zu betrachten. Entscheidungen im ESG-Bereich können nicht auf einer Ad-hoc-Basis getroffen werden. Sie müssen in dem Bewusstsein getroffen werden, dass das Unternehmen immer wieder mit ähnlichen Fragen konfrontiert wird. Daher müssen Sie die zugrunde liegenden Probleme verstehen, die im Spiel sind. Außerdem muss man ein klares Verständnis der Werte des Unternehmens haben, um sich bei der Entscheidungsfindung daran zu orientieren.“

    Horacio Gutierrez, Senior Executive Vice President, General Counsel and Secretary, The Walt Disney Company 

Unklarheiten bewältigen

Da die Unternehmen mit komplexen Nachhaltigkeitserwartungen konfrontiert sind, ohne dass sie von den Aufsichts- und Regulierungsbehörden die nötige Anleitung erhalten, ist es wichtig, dass sie klar definieren, wo sie stehen und welche Verpflichtungen sie haben.

„Rechtsabteilungen sollten zunächst die relevanten rechtlichen Risiken und Anforderungen berücksichtigen“, sagt Grossmann. „Zweitens müssen sie verstehen, welchen Reputationsrisiken im Zusammenhang mit den Erwartungen der Interessengruppen das Unternehmen ausgesetzt sein könnte. Und drittens sind finanzielle Überlegungen anzustellen, die sich entweder aus den Schritten ergeben, die das Unternehmen zur Bewältigung des Risikos ergreifen muss, oder aus der Untätigkeit, wenn die rechtlichen Anforderungen oder die Erwartungen der Stakeholder nicht erfüllt werden. All dies sollte mit den Nachhaltigkeitszielen des Unternehmens in Einklang gebracht werden.“

Um diesen Druck auszugleichen, sollten die Rechtsabteilungen drei Maßnahmen in Betracht ziehen:

  • Klären Sie die Führungskräfte über die Risiken für die Organisation auf: Derzeit sind nur 15 % der General Counsels der Meinung, dass die Führungskräfte ihres Unternehmens die Umweltrisiken vollständig kennen, in Bezug auf die sozialen Risiken sind es 39 %.
  • Arbeiten Sie mit der Führungsebene zusammen, um die Ziele des Unternehmens klar zu definieren: Das Verständnis von Zielen und Werten ist entscheidend für eine effektive Entscheidungsfindung. Während 69 % der General Counsels sagen, dass die sozialen Ziele ihrer Organisation klar definiert seien, sagen dies nur 22 % für die Umweltziele.
  • Führen Sie interne Gespräche, um eine Einigung darüber zu erzielen, wie Kompromisse erzielt und konkurrierende Ziele in Einklang gebracht werden können: Konkurrierende Ziele sind unvermeidlich, und ein solider Rahmen für deren Management ist wichtig. Dies ist nicht einfach: 95 % der Rechtsabteilungen gaben an, dass es eine Herausforderung sei, Kompromisse zwischen finanziellen und Nachhaltigkeitszielen zu schließen.

Rechtsabteilungen verfügen über wichtige Qualifikationen, die ihren Unternehmen helfen können, den Druck zu mildern und die konkurrierenden Ziele miteinander in Einklang zu bringen. Juristen verfügen über fundierte Kenntnisse der Gesetze, Vorschriften und des Ansatzes, den die Aufsichts- und Regulierungsbehörden bei der Bewertung der Praktiken einer Organisation anwenden. Sie haben auch Erfahrung darin, rechtliche und ethische Dilemmata in Einklang zu bringen, und viele können auch Präzedenzfälle berücksichtigen und wissen, wie sich aktuelle Maßnahmen auf die Zukunft auswirken können.

Darüber hinaus hat die Rechtsabteilung enge Verbindungen zu den meisten geschäftlichen Fragen, die mit der Nachhaltigkeit zusammenhängen, wie z. B. Arbeit und Beschäftigung, Rechtsstreitigkeiten, Lieferketten, Vertragsabschlüsse, Transaktionen, Einhaltung von Vorschriften, Datenschutz und Umweltbelange. Dies gibt ihnen die einzigartige Fähigkeit, die Entscheidungsfindung im Bereich der Nachhaltigkeit im gesamten Unternehmen voranzutreiben, insbesondere dann, wenn es an klaren gesetzlichen Vorgaben mangelt.

Empfehlungen und Handlungsbereiche

Um Ihr Unternehmen bei der Lösung komplexer Herausforderungen im Bereich der Nachhaltigkeit zu unterstützen, sollte der General Counsel

  • die Rechtsabteilung als führende Stimme innerhalb der Organisation in komplexen Nachhaltigkeitsfragen etablieren und
  • klare Leitlinien für Werte und Ziele und für den Ausgleich konkurrierender Interessen entwickeln.
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Kapitel 3

Umgang mit steigender Arbeitsbelastung

Die zunehmende Bedeutung der Nachhaltigkeit wird die Arbeitsbelastung der Rechtsabteilungen voraussichtlich erhöhen.

Umgang mit steigender Arbeitsbelastung

Die EY-Studie zeigt, dass Umwelt- und Sozialbelange die Arbeitsbelastung der Rechtsabteilungen erheblich erhöhen werden. In der Tat erwarten 99 % der Befragten, dass ihre Arbeitsbelastung in den nächsten drei Jahren zunehmen wird.

Das Ausmaß, in dem dies zu erwarten ist, ist beträchtlich. Über 40 % der General Counsels gehen davon aus, dass die Arbeit im Bereich Umwelt und Arbeitssicherheit in den nächsten drei Jahren um 10 % oder mehr pro Jahr zunehmen wird. 24 % erwarten, dass die Arbeit im Bereich Vielfalt, Gleichberechtigung und Integration um 10 % oder mehr zunehmen wird. Während General Counsels aller Branchen mit einer Zunahme der Arbeitsbelastung rechnen, zeigt die Studie, dass große Unternehmen mit einer herausragenden Rolle in der Wirtschaft, wie Finanz-, Energie- und Verbraucherorganisationen, am stärksten davon betroffen sein werden.

Diese Zunahme der Arbeit ist zum Teil auf die ausufernde Zahl neuer Gesetze, die verstärkte Durchsetzung von Vorschriften und die zunehmende Berichterstattung zurückzuführen, die häufig mit den Bedenken der Anleger zusammenhängt. Sie ist zudem auf das wachsende Volumen der Beratungstätigkeit zurückzuführen, bei der die Rechtsabteilung das Unternehmen als Geschäftspartner in komplexen Angelegenheiten und solchen, die mit Reputationsrisiken verbunden sind, berät.

Zwar ist das derzeitige Engagement der Anwaltskanzleien in diesen Bereichen unterschiedlich, doch herrscht unter den Befragten weitgehende Einigkeit darüber, dass die höherwertige Beratungstätigkeit im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit in den nächsten drei Jahren wahrscheinlich erheblich zunehmen wird.

  • Zitat von Shantini Sanmuganathan, Singapore Telecommunications

    Über die Herausforderung der zunehmenden Arbeitsbelastung

    "Zwar gibt es auf Märkten wie Singapur nicht so viele Umwelt- und Sozialvorschriften wie in Europa, aber wir sind von den Geschehnissen in anderen Teilen der Welt betroffen. Die US-amerikanischen und europäischen Berichterstattungsanforderungen haben direkte Auswirkungen auf asiatische Unternehmen, die auf diesen Märkten tätig sind. Außerdem beobachten unsere Aufsichtsbehörden den Rest der Welt. Es ist durchaus möglich, dass einige der europäischen Vorschriften am Ende auch auf den asiatischen Märkten übernommen werden.”

    Shantini Sanmuganathan

    Group General Counsel, Singapore Telecommunications 

Zuweisung von Ressourcen

Die befragten Rechtsabteilungen sind sich wenig einig, wie sie diese steigende Arbeitsbelastung bewältigen sollen. Der Studie zufolge verfolgen die Rechtsabteilungen drei unterschiedliche Ansätze:

  • 20 % planen, den größten Teil der Nachhaltigkeitsarbeit durch Neueinstellungen oder die Umbesetzung vorhandener Stellen auszulagern. Externe Dienste werden auf taktischer Basis eingesetzt.
  • 46 % planen, den größten Teil der Nachhaltigkeitsarbeit auszulagern und den Technologieeinsatz und das Prozessmanagement zur Optimierung der internen Abläufe zu verstärken. Externe Dienste werden auf taktischer Basis eingesetzt.
  • 34 % planen eine gemischte Beschaffungsstrategie, bei der interne Ressourcen, externe Rechtsberatung und alternative Rechtsdienstleister je nach den Anforderungen der Aufgabe und den Fähigkeiten und Kosten der Ressourcen eingesetzt werden.

Es lohnt sich, jeden dieser drei Ansätze im Hinblick auf die Personalressourcen, die Kosten und die Herausforderungen für die Rechtsabteilungen zu untersuchen.

Das Insourcing-Modell kann insofern problematisch sein, als 96 % der General Counsels angaben, dass die Rechtsabteilung nicht über das erforderliche Fachwissen zu Nachhaltigkeit, Umwelt- und Sozialthemen verfügt. Außerdem glauben 94 %, dass sie nicht über die erforderlichen Mittel verfügen, um die Nachhaltigkeitsinitiativen ihres Unternehmens zu unterstützen.

In der Tat stehen die Rechtsabteilungen unter erheblichem Kostendruck. Der gemeinsam mit dem Harvard Law School Center on the Legal Profession durchgeführte EY Law Survey 2021 ergab, dass 88 % der General Counsels planen, die Gesamtkosten der Rechtsabteilung in den nächsten drei Jahren zu senken, bei 50 % von ihnen werden diese Kürzungen 20 % oder mehr betragen.

Die Kombination von Insourcing mit Technologie und Prozessoptimierungen kann Rechtsabteilungen möglicherweise helfen, höhere Arbeitsvolumen besser zu bewältigen. Während einige Rechtsabteilungen mit Prozessverbesserungen und einem verstärkten Technologieeinsatz Fortschritte gemacht haben, sind viele auf Hindernisse gestoßen. Laut dem EY Law Survey 2021 gab die Mehrheit der Rechtsabteilungen an, dass es ihnen an den notwendigen Fähigkeiten mangelt und dass Zeit- und Veränderungsmanagement ein Hindernis für ihren Erfolg darstellen.

  • Zitat von Nabeel A. Al Mansour, Saudi Aramco

    Zum operativen Modell

    „Das operative Modell der Rechtsabteilung für Umwelt-, Sozial- und Governance-Fragen ist immer komplexer geworden. Wir haben ein agiles Ökosystem einzigartiger multidisziplinärer Fähigkeiten entwickelt. Intern haben wir Fachleute eingestellt, die das Unternehmen in diesen Fragen beraten und unsere eigenen Ressourcen organisch entwickeln. Darüber hinaus haben wir enge Beziehungen zu ausgewählten externen Anwaltskanzleien aufgebaut, die über fundierte Kenntnisse in Bereichen verfügen, die unser internes Fachwissen ergänzen. Darüber hinaus pflegen wir weiterhin enge Beziehungen zu unseren internen Auftraggebern und agieren als echte Partner bei der Bewältigung dieser sich ständig weiterentwickelnden Probleme.“

    Nabeel A. Al Mansour, Senior Vice President und General Counsel, Saudi Aramco

Die gemischte Beschaffungsstrategie hat das Potenzial, Herausforderungen in Bezug auf Fachwissen, Prozessverbesserungen und Technologie zu bewältigen. Der Schlüssel liegt darin, die richtige Aufgabe mit der richtigen Beschaffungsstrategie zu verbinden, um ein optimales Portfolio zu schaffen, sowohl im Hinblick auf das Geschäft als auch auf das Kostenmanagement.

„Die Wahl eines Ansatzes hängt letztlich von den Umständen der jeweiligen Rechtsabteilung ab", sagt John Knox, EY Global Legal Operations Leader. „Der Schlüssel ist, eine Strategie zu finden, die es den Rechtsabteilungen ermöglicht, die zunehmende Arbeitsbelastung durch Compliance und Berichterstattung zu bewältigen und gleichzeitig genügend Zeit zu haben, um mit dem Unternehmen bei komplexeren Herausforderungen zusammenzuarbeiten, die mit einem hohen Reputationsrisiko verbunden sind.“

Empfehlungen und Handlungsbereiche:

Um die zunehmende Arbeitsbelastung zu bewältigen, sollten General Counsels das Betriebsmodell ihrer Rechtsabteilungen überarbeiten, um sicherzustellen, dass sie über die Kapazitäten, das Fachwissen und die Ressourcen verfügen, um sich auf höherwertige Tätigkeiten zu konzentrieren, indem sie die folgenden Schritte unternehmen:

  • Durchführung einer Bewertung des Ausgabenmanagements, um zu verstehen, wie die internen und externen Ressourcen genutzt werden.
  • Festlegung der künftigen operativen Strategie mit einem Modell, das die Aufgaben mit den entsprechenden Ressourcen abgleicht.
  • Aufbau interner und externer Kapazitäten wie z. B. Kompetenzzentren oder technologische Verbesserungen, um den Strategieplan umzusetzen.

Schlussfolgerung

General Counsels und Ihre Rechtsabteilungen sind gut positioniert, um eine wichtige Rolle beim Aufbau von Partnerschaften, Zielen, Richtlinien und Governance-Rahmenbedingungen zu spielen, die den Unternehmen helfen, die Anforderungen im Hinblick auf Nachhaltigkeit zu erfüllen. Um dies zu erreichen, sollte der General Counsel

  • eine Ausweitung seines Risikomanagements erwägen, um Reputationsrisiken oder nichtrechtliche Risiken im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit abzudecken,
  • mit dem Unternehmen zusammenarbeiten, um den Umfang der Rolle seiner Abteilung im Bereich der Nachhaltigkeit sowie die Rolle der wichtigsten Partner und Interessengruppen zu ermitteln und so Maßnahmen und Verantwortlichkeit zu fördern,
  • ein gemeinsamen Verständnis der Risiken, mit denen das Unternehmen konfrontiert ist, und der Ziele, auf di es hinarbeitet, ermitteln und einen Entscheidungsrahmen für die Bewältigung komplexer Nachhaltigkeitsherausforderungen schaffen, insbesondere in Bereichen, in denen es keine klaren Vorschriften gibt,
  • ein operatives Modell für die Rechtsabteilung ermitteln, das die für die Nachhaltigkeitsarbeit erforderliche Flexibilität, Größenordnung und das einzigartige Fachwissen bietet.

Obwohl die „General Counsel Sustainability“-Studie von EY aus dem Jahr 2022 deutlich macht, dass Rechtsabteilungen bei diesen Bemühungen mit einer Vielzahl von Hindernissen konfrontiert sind, erkennen viele Leiter von Rechtsabteilungen die Notwendigkeit, sich für Nachhaltigkeit zu engagieren, und stellen sich der Herausforderung.

Fazit

Fragen der Nachhaltigkeit - sei es im Zusammenhang mit der Umwelt, der Beschäftigung oder der Gesellschaft im Allgemeinen - werden die Unternehmen vor immer neue Herausforderungen stellen. Die Notwendigkeit, sowohl rechtliche als auch nicht-rechtliche Risiken im Zusammenhang mit diesen Themen zu managen, wird wahrscheinlich dazu führen, dass Rechtsabteilungen eine unternehmensweite Schlüsselrolle spielen. Diejenigen, die eine Reihe von Prioritäten setzen, einen Rahmen schaffen, um die Herausforderungen zu bewältigen, und die Ressourcen effektiv zuweisen, werden eine solide Grundlage für den künftigen Erfolg schaffen.

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Von Cornelius Grossmann

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Cornelius Grossmann ist Global Law Leader und Rechtsanwalt bei EY Law.

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